V.A.Tagebuch

Die Stadt ohne Ursprung?

Ort: Unbenannte Stadt (nicht kartografisch erfasst)


Ich hatte gehofft, mehr in Erfahrung zu bringen, doch die sogenannten Gründerin hat mich eines Besseren belehrt. Ich kam aus dem Gespräch mit mehr Fragen heraus, als ich hineingegangen war. Mich hatte es in diese kleine Stadt verschlagen, nachdem ich zufällig ein paar Reisende traf, die nur Positives zu berichten hatten. Als Stadthistoriker weckte das mein Interesse. Keine Stadt ist einfach nur schön. 

Ehe ich mich versah, saß ich in einem Haus, das der Gründerin zu gehören schien, umzingelt von Tischen und allerlei Krimskrams. Wer, beim heiligen Kranich, braucht sechs Tische? Es erinnerte mehr an ein Lager als an ein gemütliches Zuhause, aber sie scheint sich wohlzufühlen. Mir wurden begeistert Schmuckstücke, Skizzen und vollgeschriebene Seiten gezeigt.

„Vielleicht existiert sie schon, bevor ich es selbst wusste“, erzählte sie mir bei einer Tasse Kakao. „Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, sie zu bauen. Ich weiß nur, dass es sich einfach so ergeben hat.“

„Das Herz soll am richtigen Ort sitzen“, sagte sie zwischendurch und präsentierte mir eine Tonfigur, die irgendwie gar nicht zum Gesagten passte. Ich weiß selbst nicht mehr, was die eigentliche Frage war, aber egal welche ich stellte, ich bekam oft dieselbe Antwort: „Irgendwie ist das einfach passiert.“

Dinge passieren offenbar „einfach“.
Besucher bleiben „einfach“.

„Also stand auch ganz einfach die erste Mauer … und fertig?“

Sie sah mich ganz entgeistert an:„Nein, nein… fertig klingt so nach Ende.“

Ist diese Stadt vielleicht aus Einsamkeit oder Verbitterung entstanden, diese Frage ging mir nur schwer über die Lippen. Dennoch bekam ich für ihre Verhältnisse eine passende Antwort:„Wenn Reisende bleiben, ist das schön“
Dann murmelte sie leiser: „Wenn nicht, dann nicht.“

Sie erzählte auch von ihrem Lieblingsplatz, der eigentlich kein physischer Ort ist. Dort könne sie einfach sie selbst sein, zum ersten Mal so richtig und sie wünsche sich, dass jedes Wesen, das sich hierher verirrt, irgendwann so einen Platz für sich findet.

Sie schien so versunken im Erzählen zu sein, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie bemerkt hatte, dass ich gegangen war. Meine Verabschiedung blieb nämlich unbeantwortet in der Luft hängen.

Im Dunkeln machte ich mich auf dem Weg zurück zum Gasthof. Tatsächlich, ich muss zugeben, dass vereinzelte Schnurren, so wie der Duft von frisch gebackenen Kuchen, hat was idyllisches. Doch der Anblick der schmalen Gassen bereitete mir Unbehagen.

Das war nun also mein erster Tag in dieser Stadt. Ich glaube, ich werde hier noch ein paar Tage bleiben. 

Vincent Archer

Merkwürdige Verfärbung

Heute habe ich mit dem Bettler gesprochen. Es kam mir seltsam vor, dass es in der Stadt teilweise leerstehende Häuser gibt und er dennoch draußen lebt. Sollte es nicht möglich sein, ihn in einem dieser Häuser unterzubringen?

Zunächst besprach ich das Thema mit einer Kellnerin im örtlichen Café. Sie meinte: ich solle mir keine Sorgen machen. Es sei seine eigene Entscheidung. So wirklich konnte ich das nicht glauben. Also beschloss ich, dann doch das Gespräch mit dem Bettler zu suchen.

Vergeblich.

Dafür fiel mir etwas anderes auf. Sein linker Fuß war bandagiert, der Verband scheint alt. Als ich ihn dann darauf ansprach, winkte er auch da nur ab:„Das wird schon wieder.“

Ich beschloss nicht weiter nachzufragen, doch eine Sache beunruhigte mich dann doch... diese eine dunkle Verfärbung. Morgen schau ich noch mal vorbei und bringe ihm einen Frischen.

Reisen und Tee

Anstatt meinen Minztee allein zu trinken, habe ich mich heute Morgen dazu entschlossen, mich mit einer zweiten Tasse zu Sphel zu setzen. Er hat den Verband dankend angenommen, würde ihn aber später wechseln.

Wir unterhielten uns ein bisschen über das Reisen. Er von Besuchern, die gelegentlich durch die Stadt ziehen und ich von den Städten, die ich bereist habe. Über seinen Fuß sprachen wir jedoch nicht mehr.

Stadt Erweiterung ist geplant

Heute habe ich die Gründerin dabei entdeckt, wie sie einen Tisch nach draußen in den Hof geschleppt hat. Da habe ich ihr Hilfe angeboten und im Gegenzug hat sie mir von Ihren weiteren Stadtplänen erzählt.

Sie scheint auch etwas müde zu sein, aber auf die Frage hin, wann sie denn das letzte Mal ein Mützchen Schlaf bekommen hatte, drückte sie mir eine Skizze in die Hand. Sie hat vor, ein schwarzes Brett/Zeitungsstand zu bauen, so ganz habe ich es nicht verstanden. Da sollen zukünftig alle relevanten Neuheiten aufgelistet werden. Schöne Idee eigentlich. Wenn es nur nicht so viel wäre. Ihre To-do-Liste ist ziemlich lang Und viele Sachen, die sie mir erzählt hatte stehen da gar nicht drauf. Wie sie sagt das ist Zukunftsmusik. Aber irgendwie erfreulich zu sehen, dass eine Gründerin so viel mühe in diese Stadt steckt, sie sollte sich nicht überarbeiten. 

Ich habe sie Gott sei dank doch überreden können sich eine Runde Schlaf zu genehmigen, im Gegenzug werde ich ihr das nötige Holz besorgen, dass sie für ihr nächstes Projekt braucht.

Kleines Dankeschön

Heute morgen habe ich der Gründerin ihr Holz gebracht und geholfen einen Teil ihrer Pläne in die Tat umzusetzen.

Beim Bau erzählte sie mir, dass sie hoffe, künftig Neuigkeiten der Bewohner dort lesen zu können.

Als Dank für meine Hilfe drückte sie mir ein Glas mit getrockneten Minzblättern in die Pfote. Sie hatte wohl gehört, dass ich diesen Tee am liebsten trinke.