Die Stadt ohne Ursprung?

Ort: Unbenannte Stadt (nicht kartografisch erfasst)
Datum des Berichts: 16.05.2026
Verfasser: Vincent Archer

Ich hatte gehofft, mehr in Erfahrung zu bringen, doch die sogenannten Gründerin hat mich eines Besseren belehrt. Ich kam aus dem Gespräch mit mehr Fragen heraus, als ich hineingegangen war. Mich hatte es in diese kleine Stadt verschlagen, nachdem ich zufällig ein paar Reisende traf, die nur Positives zu berichten hatten. Als Stadthistoriker weckte das mein Interesse. Keine Stadt ist einfach nur schön. 

Ehe ich mich versah, saß ich in einem Haus, das der Gründerin zu gehören schien, umzingelt von Tischen und allerlei Krimskrams. Wer, beim heiligen Kranich, braucht sechs Tische? Es erinnerte mehr an ein Lager als an ein gemütliches Zuhause, aber sie scheint sich wohlzufühlen. Mir wurden begeistert Schmuckstücke, Skizzen und vollgeschriebene Seiten gezeigt.

„Vielleicht existiert sie schon, bevor ich es selbst wusste“, erzählte sie mir bei einer Tasse Kakao. „Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, sie zu bauen. Ich weiß nur, dass es sich einfach so ergeben hat.“

„Das Herz soll am richtigen Ort sitzen“, sagte sie zwischendurch und präsentierte mir eine Tonfigur, die irgendwie gar nicht zum Gesagten passte. Ich weiß selbst nicht mehr, was die eigentliche Frage war, aber egal welche ich stellte, ich bekam oft dieselbe Antwort: „Irgendwie ist das einfach passiert.“

Dinge passieren offenbar „einfach“.
Besucher bleiben „einfach“.

„Also stand auch ganz einfach die erste Mauer … und fertig?“

Sie sah mich ganz entgeistert an:„Nein, nein… fertig klingt so nach Ende.“

Ist diese Stadt vielleicht aus Einsamkeit oder Verbitterung entstanden, diese Frage ging mir nur schwer über die Lippen. Dennoch bekam ich für ihre Verhältnisse eine passende Antwort:„Wenn Reisende bleiben, ist das schön“
Dann murmelte sie leiser: „Wenn nicht, dann nicht.“

Sie erzählte auch von ihrem Lieblingsplatz, der eigentlich kein physischer Ort ist. Dort könne sie einfach sie selbst sein, zum ersten Mal so richtig und sie wünsche sich, dass jedes Wesen, das sich hierher verirrt, irgendwann so einen Platz für sich findet.

Sie schien so versunken im Erzählen zu sein, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie bemerkt hatte, dass ich gegangen war. Meine Verabschiedung blieb nämlich unbeantwortet in der Luft hängen.

Im Dunkeln machte ich mich auf dem Weg zurück zum Gasthof. Tatsächlich, ich muss zugeben, dass vereinzelte Schnurren, so wie der Duft von frisch gebackenen Kuchen, hat was idyllisches. Doch der Anblick der schmalen Gassen bereitete mir Unbehagen.

Das war nun also mein erster Tag in dieser Stadt. Ich glaube, ich werde hier noch ein paar Tage bleiben. 

Vincent Archer